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Mittwoch, 01. Dezember 2021
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Der Letzte

Club-Carinthia-Literaturpreis 2000 Der Letzte

(Auszug)

(...) Er war weg! Einfach weg! Der Ulrichsberg, der Mons Carantanus, der Hausberg der Kärntner, war weg! Verschwunden! Ein klaffendes Loch war dort, wo er einmal gestanden hatte. Karnberg und St. Peter am Bichl und Pörtschach am Berg umrandeten wie verirrte Schafe ein Nichts, eine unnatürliche, fast gespenstische Leere.

Er sprang zurück in sein Auto, wendete auf der Schnellstraße, Gesetz hin, Gesetz her und raste zurück. Wie konnten sie so etwas nur tun? Was war der Grund? Niemals hätte er geglaubt, dass sie sich sogar vom Ulrichsberg trennen würden. Jetzt hatte er verstanden. Nichts mehr, aber gar nichts mehr war jetzt noch aufzuhalten. Er hatte das Auto mitten im Hof stehen gelassen, rannte die Treppen hinauf zu seinem Büro und klickte sich ein. Er musste mit seinem Freund sprechen. Dringend! Ein Wort, das das Netz einfach nicht verstand. Es arbeitete es in einer fast provozierenden Art immer in der gleichen Geschwindigkeit. Leben oder Tod, egal.

Es schien ihm überhaupt, als würde es einen ganz bestimmten Teil seines Nervensystems angreifen. Jedesmal dauerte es ihm zu lange und löste eine Welle von Aggressionsschüben dem Computer gegenüber aus und er war sich sicher, dass dies eine Keimzelle für irgendwelche unerfreulichen Krebsgeschwüre sein würde, irgendwann in der Zukunft. System gestartet, Netzwerk installiert, Anmelden, Aufbau der Verbindung, Erfolgreich, Host kontaktieren, Host kontaktiert und so weiter. Es war ein guter Grund, von Zeit zu Zeit überzudrehen. Sein Freund erwartete ihn schon mit dieser besserwisserischen Miene. Ein überhebliches, fast schäbiges Grinsen.

"Du warst im Zollfeld, nicht wahr?" hauchte er, so, als ob er es nicht gewusst hätte. "Ja, war ich. Und ich habe es gesehen oder besser gesagt, ich habe ihn nicht gesehen. Wie … wie konnten sie das tun?" "Du lebst wohl weit hinter deiner Zeit, muss ich feststellen, wenn ich es recht betrachte. Du läufst mit verschlossenen Sinnen durch die Gegend, nicht wahr?" "Ja, ja. Komm zur Sache!"

"Ganz einfach! Man hat beschlossen, eine Delegation des Abwehrkämpferbundes, des Kameradschaftsbundes, des Heimatdienstes und ein paar Zollfelder Gemeindepolitiker mitsamt dem Ulrichsberg ins Netz zu schicken. Imageverbesserung. Zurechtrückung eines verzerrten Bildes. Was wissen die in Amerika oder Australien oder Schweden oder die Engländer denn schon von den wirklichen Verhältnissen? Von dem, um was es eigentlich geht? Nichts als Vorurteile, Verzerrungen, gestellte Bilder. Jetzt ist man nicht mehr auf die Medien angewiesen. Man kann sich so darstellen, wie man wirklich ist."

"Hast du sie schon besucht?" "Nicht gerade leicht, sie zu erreichen. Seit den zwei Monaten, die sie hier sind, bereits 150.000 Zugriffe. Überall hin. Die sind nur auf Reisen. Bis nach China. Aber natürlich war ich schon bei ihnen. Der Ulrichsberg hat mir immer schon gefallen. Kein allzu mühsamer Aufstieg und dann anschließend zum Kollerwirt. Der ist übrigens auch mit dabei. Kärntner Jause und Most. Sagenhaft! Das war auch das Einzige, das ich vermisst habe hier. Die anderen, das ist nicht so mein Fall. Da surf ich lieber mit den … na ja, du weißt schon." "Frauen, ja ich weiß schon." Ohne sich zu verabschieden, klickte er sich wieder aus. Wohin sollte das alles noch führen? Bald würde Kärnten nur noch aus Löchern, aus weißen Flecken bestehen. Und er? Was ließ man ihm? Wenn erst einmal alle Seen und Kulturstätten und Kulturstädte weg waren?

(...) Die folgenden Nächte verbrachte er schlaflos. Vielleicht hatte sein Freund Recht. Was würde sich schon groß ändern? Früher oder später wäre ganz Kärnten ohnehin eingespeist. Dann wäre im Netz alles beim Alten. Sinnlos, dann hier in einem Geisterland leben zu wollen. Nach der dritten Nacht stand am Morgen für ihn fest: Er würde mitgehen. Hinein ins Abenteuer. Ins grenzenlose.

Er machte sich gerade einen Kaffee, als das Telefon läutete. Der Bürgermeister! Er bat um eine Unterredung unter vier Augen. Was hatte er ausgerechnet mit ihm zu bereden? Eine Stunde später betrat er das Bürgermeisterbüro. Der Bürgermeister empfing ihn freundlich. "Bitte, setzen Sie sich", sagte er. Er setzte sich.

"Sie waren ja auch bei der Versammlung und wissen Bescheid, nicht wahr. Wir sind nicht mehr aufzuhalten. Und ehrlich gesagt, scheint sich unsere ganze Gemeinde in einer Art Goldgräberrausch zu befinden. Sie verstehen? Eine richtige Aufbruchsstimmung. Es gibt keinen, der nicht sein Glück im Netz versuchen will. Ein geschlossener Wille zu einem alle Grenzen überschreitenden Abenteuer." Der Bürgermeister ballte bei diesen Worten seine Fäuste. "Nun, auch ich habe beschlossen, mitzuziehen. Ich bin zwar nicht so euphorisch, aber na, ja. Jedenfalls bin ich dabei."

Der Bürgermeister seufzte. Sein Blick, mit dem er ihn fixierte, hatte etwas Verzweifeltes. Er verschränkte seine Hände ineinander und senkte den Kopf. Mit leiser Stimme sagte er dann: "Es ist, äh, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber wir brauchten jemanden, der hier bleibt und die Verbindung zur ehemaligen heimatlichen Aussenwelt aufrecht erhält. Sie verstehen?" "Aber es wird nichts mehr geben hier, mit dem es sich lohnen würde, in Kontakt zu bleiben. Nichts!" "Es ist auch mehr eine psychologische Sache, irgendwie. Es ist einfach nur die Vorstellung, dass noch jemand hier ist. Wirkt irgendwie beruhigend. Man will schließlich nicht ganz ausgelöscht sein. Sie verstehen?" "Aber niemand kann die Gemeinde wieder aus dem Netz zurückholen." "Eben, gerade deshalb." "Schön und gut, aber wie stellen Sie sich vor, soll ich hier leben? Weit und breit keine Geschäfte mehr, keine Arbeit und irgendwie ziemlich einsam, nicht wahr?" "Wir werden Ihnen regelmäßig Geld aus dem Netz zukommen lassen. Sie stehen sozusagen auf unserer Gehaltsliste als Gesandter auf einem kleinen Außenposten. Wir stellen Ihnen fünf Hektar Land zu Verfügung und wir haben auch eine Frau gefunden, die sich um Sie kümmern wird, Sie verstehen? Steht auch auf unserer Gehaltsliste."

 Epilog

Seit zwei Jahren ist meine Gemeinde im Netz. Sie ist nach wie vor der Überzeugung, das Richtige getan zu haben. Sie überweisen mein Gehalt pünktlich. Der Mittagskogel steht jetzt neben dem Ulrichsberg und man erwartet gespannt die Freigabe von Millstatt. Ich stehe in ständigem Kontakt mit ihnen und fühle mich, wie sich wahrscheinlich ein Leuchtturmbewohner gefühlt haben musste auf einer einsamen Insel, früher. Die Frau, die sich um mich kümmern hätte sollen, hat es nicht ausgehalten und ist auch ins Netz. Sie wolle sich ihre Zukunft nicht versauen, hat sie gesagt. Der Bürgermeister hat sich entschuldigt. Es täte ihm leid. Das Leben ist noch schwieriger geworden. Die wüstengleichen Landstriche haben bereits unglaubliche Maße angenommen. Wie ich befürchtet hatte, schon vor zwei Jahren, sind die meisten Gemeinden nach und nach ins Netz abgewandert. Der Bürgermeister meint und hofft, dass man in vier, fünf Jahren wieder komplett sein würde, und dann nicht mehr als einzelne Gemeinde abrufbar sein würde, sondern nur als eine Einheit. Ein geschlossenes, grenzenloses Kärnten. An diesem Projekt arbeite man. Der Anblick der Lücke, die der Mittagskogel hinterlassen hat, schmerzt mich jeden Tag. Und wenn ich auf meinen fünf Hektar herumstreife, fühle ich mich manchmal wie der letzte Kärntner.